Beharrliche Hinweise darauf, dass Angebote der Gemeinde allen Einwohnerinnen und Einwohnern ohne technische Barrieren verfügbar sein müssen, scheinen gefruchtet zu haben. Während im Sommer bei Faltblättern und sonstigen Werbemitteln für die "Eching-App" ein Hinweis auf Alternativen fehlte, wurde im digitalen Bereich nachgebessert. Die Gemeindehomepage nennt mittlerweile die Internetadresse heimat-info.de, über die die bei der Firma Cosmema gekauften Dienste geräteunabhängig und ohne Nutzerkonto bei Google oder Apple zugänglich werden.
Die Verwaltung räumte zudem ein, dass es nicht in ihrer Hand liege, wie lange die Eching-App mit den Smartphones und deren Betriebssystem kompatibel ist. Mit der Entscheidung für eine App trägt auch die Gemeinde Verantwortung für entstehenden Elektronikschrott und wiederkehrende Ausgaben ihrer Bürger für Geräte, die in der Regel vor Erreichen der technisch bedingten Lebensdauer ersetzt oder nicht mehr repariert werden.
Zentrales Merkmal einer Bürgerbeteiligungssoftware ist, dass sie Daten in zweierlei Richtungen transportiert - von der Gemeinde zu den Einwohnern und umgekehrt. Da die bei Cosmema eingekauften Nutzungslizenzen und Dienste keine Authentifizierung vorsehen, sind Daten, die über die Eching-App und die Internetadresse heimat-info.de an die Gemeinde gehen, von geringem Wert. Denn es ist nicht sichergestellt, von wem sie stammen. Bei einzelnen Schadensmeldungen mag dies hinnehmbar sein. Im eigentlichen Nutzungszusammenhang einer Bürgerbeteiligungssoftware ist dieser Mangel nicht auszugleichen. Bei der Umfrage "Bürgerhaushalt 2025" musste jeder der 1027 eingegangenen Antwortdatensätze geprüft werden, ob er von einem Bürger oder einer Bürgerin der Gemeinde stammt [1]. Bei den Bürgerhaushalten kommender Jahre und bei jeder Befragung zu gemeindlichen Themen [2] wird eine solche Prüfung von neuem nötig [3].
Die technische Abwicklung des Bürgerhaushalt 2025 erfolgte nur scheinbar über die Eching-App beziehungsweise die Adresse heimat-info.de. Die Annahme, Speicherung und Bündelung der Daten oblag nicht dem Vertragspartner der Gemeinde, vielmehr griff Cosmema hier auf Dienste eines Dritten zurück, nämlich der Jotform Inc. Dieses auf Umfragen spezialisierte Unternehmen mit Sitz in San Francisco versichert seinen Kunden, dass der Umgang mit persönlichen Daten - im Falle des Bürgerhaushalts also Name, Anschrift und Geburtsdatum - den Vorgaben der europäischen Datenschutz-Grundverordnung genügt und diese Daten auf einem Server in Deutschland gespeichert werden. Dennoch dürfte es ein Server in den USA sein, den diese Daten zunächst durchlaufen.
Konditionen, zu welchen Cosmema und andere Kunden Umfrage-Dienste in Anspruch nehmen, sind auf den Internetseiten von Jotform einsehbar. So umfasst das Angebot "Bronze" 25 Umfragen, die über einen einzigen Zugang anzulegen und zu verwalten sind. 1000 Dateneinreichungen und 10000 Seitenbesuche werden akzeptiert. Jotform verlangt hierfür 34 Euro im Monat.
Nach Auskunft der Firma Oliv Newton, die 2024 die Gemeindehomepage technisch realisiert hat, erlaubt das hinter www.eching.de stehende Redaktionssystem Process wire, Formulare zu erstellen und in die Internetpräsenz zu integrieren. Es wäre also möglich gewesen, einfache Funktionen einer Bürgerbeteiligungssoftware innerhalb der eigenen Internetpräsenz und im Rahmen des bestehenden Hosting-Vertrags zu bekommen. Process wire ist freie Software und in der Sprache PHP programmiert. Merkmal freier Software ist es, dass es gängig, erlaubt und gewünscht ist, durch korrigierten oder zusätzlichen Programmcode fehlende Funktionen zu schaffen oder erkannte Fehler zu beseitigen.
Ein Grund, den Bürgermeister Thaler zugunsten des Softwarepakets von Cosmema anführte, waren Schwächen der Suche innerhalb der Homepage. Zu häufig liefere sie keine oder irrelevante Treffer. Womöglich ohne zuvor auszuloten, ob ein besseres Suchmodul für Process wire verfügbar ist oder programmiert werden könnte, favorisierte man die von Cosmema angebotene Auskunft auf Basis künstlicher Intelligenz, den sogenannten "virtuellen Mitarbeiter". Auf der Gemeindehomepage existieren [4] beide Suchfunktionen nebeneinander: Prominent und zentral auf der Startseite www.eching.de befindet sich das Eingabefeld für die weiterhin nicht zufriedenstellende homepage-interne Suche. Ohne Erklärung oder sonstigen Bezug zur Seite wird rechts unten ein Icon eingeblendet, das sich als Zugang zur KI-Auskunft von Cosmema erweist.
Das vollmundige Lob des Anbieters der KI-Auskunft im März 2025 vor dem Gemeinderat und die auf unsere Anfrage hin erteilte lapidare Antwort, "rechtssichere Auskünfte seien nicht zu garantieren" bleiben im Widerspruch. Offensichtlich war es damals für Bürgermeister Sebastian Thaler vordringlich, dem Gemeinderat "seinen Einkauf" zu verkaufen. Heute noch verkennt er, dass es ihm zufiele, innerhalb des Materials, das dem Gemeinderat als Entscheidungsgrundlage dienen soll, die Spreu vom Weizen zu trennen. In gleicher Weise überging er das Problem, dass es Verwaltungsmitarbeiter sind, denen es zufällt, falsche KI-Auskünfte richtigzustellen.
Es sollte wahrgenommen werden, dass sich öffentliche Auftraggeber durch den Kauf und die Subventionierung von KI-Software in eine ungleiche Konkurrenz mit Risikokapital begeben und dazu Steuergeld einsetzen. Mit den Ausgaben für KI-Software folgt die Gemeinde einem Hype. Darin wird digitalisiertes Wissen ohne Rücksichtnahme auf Schöpfer oder Quellen verwertet und ein unverzichtbarer gesellschaftlicher Wert, nämlich die Befähigung und die Bereitschaft zu geistiger Arbeit, in Frage gestellt.
Am 30.09.2025 berichtete Deutschlandfunk Kultur über einen Rechtsstreit zwischen OpenAI und der GEMA zur Frage, ob ChatGPT angefragte Liedtexte wiedergeben darf. Die Problematik der Verwertung geistiger Arbeit überlasse ich gerne den Juristen. Was mir persönlich Sorgen bereitet, ist, was aus dem von der Menschheit zusammengetragenen Wissen wird, wenn es zu Material degradiert wird. Da die Quellen einer Information oft nur eine Minderheit von Nutzern interessieren, ist mit einer Kennzeichnung, ob ein Text von einem Menschen verfasst oder von einem Sprachmodell erzeugt wurde, nicht zu rechnen. Zugleich sind Sprachmodelle wie ChatGPT um ein Vielfaches produktiver. Also wird ein immer größerer Anteil des Stoffes, mit dem KIs "gefüttert" werden, selbst von einer KI generiert worden sein. Wer sollte unter diesen Umständen die Qualität von Inhalten sicherstellen?
Mich als Biochemiker lässt das an den "Rinderwahn" [5] zurückdenken. Dessen Ursache war, dass Rindern ein Futter vorgesetzt wurde, das Schlachtabfälle von kranken Schafen enthielt. Nach positiven Tests bei einzelnen Tieren wurden ganze Rinderherden gekeult und verbrannt. Aus einer speziellen und bis dato wenig bekannten Krankheit bei Schafen wurde für Tierhalter und die Fleischwirtschaft ein Desaster.
Es könnte langfristig den Ruin des Internets darstellen, wenn alles in bester Absicht hineingeschaffte Wissen in einem von Sprachmodellen erzeugten Mischmasch untergeht. "Gut" fahren wir mit künstlicher Intelligenz nur anfangs, wo letztere noch Inhalte abgrast, die Menschen verfasst und verantwortet haben. Wenn die KI von der KI abschreibt - so meine Einschätzung - kann es mit dem digital verfügbaren Wissen bloß noch bergab gehen.
Was spricht eigentlich für den Rückgriff auf künstliche Intelligenz in alltäglichen Zusammenhängen? Vielfach dürfte es Ungeduld und Bequemlichkeit sein. So wie sich der Mensch im 19. und 20. Jahrhundert von körperlicher Arbeit befreite, entledigt er sich im 21. Jahrhundert der geistigen. Am Ende denken womöglich nur noch jene, die auch etwas lenken.
Innerhalb der Eching-App oder auf heimat-info.de füllt der einen Schaden meldende Bürger effektiv ein Mailformular aus und kann Fotos beifügen. Zum gleichen Ergebnis käme er, indem er im Smartphone oder am Computer zu Hause eine Mail schreibt und dabei eine von der Gemeinde eigens für solche Meldungen geschaffene Adresse benutzt oder sich mit der allgemeinen Mailadresse gemeinde@eching.de behilft.
Bemerkenswert am Schadensmelder von Cosmema ist zudem, dass er nicht prüft, ob die Eingaben tatsächlich von einer Person stammen. Somit stellt er ein Tor für Angriffe von Robots dar. In der Praxis kann ein Robot mit zahllosen unsinnigen Eingaben die komplette Leistung eines Servers unter Beschlag nehmen, womit er für alle echten Nutzer lahmgelegt ist. Doch auch "dosierende" Robots beeinträchtigen den Mailverkehr, da deren Spam entweder bei Cosmema oder im Rathaus verlässlich aussortiert werden muss.
Somit ist der Cosmema-Schadensmelder auf dem Stand jenes Kontaktformulars, das 2020 für die Internetpräsenz der ÖDP Eching in vielleicht zwei Arbeitstagen unentgeltlich programmiert wurde. Dessen Programmcode [6] umfasst rund zweihundert Zeilen. Wenn ein Programmierer für jede Zeile vier Euro bekäme, stellte der Cosmema-Schadensmelder einen Wert von 800 Euro dar. Selbst dies ist wohlwollend geschätzt, weil er mit Sicherheit nicht eigens für die Schadensmeldungen geschrieben werde. Die Leistungen von Cosmema beschränken sich auf Außerlichkeiten und die Hinterlegung einer festen Zieladresse.
Da der Schadensmelder nicht mit einem Ticketsystem verknüpft ist und vorliegende Meldungen sowie ihr Bearbeitungsstand - anders wie bei der von Unterschleißheim oder Augsburg gewählten Lösung - nicht eingesehen werden kann, macht er die Schadensbearbeitung in keiner Weise effizienter.
Der Gemeinderat segnete am 25. März den Kauf der Cosmema-Software zum Preis von 30000 Euro zuzüglich sogenannter Wartungskosten in Höhe von je 5000 Euro über die kommenden fünf Jahre ab. Die Softwarekomponenten, mit welchen Cosmema die Bürgerbeteiligungsfunktionen realisiert, sind entweder unzulänglich oder sie werden durch Dritte bereitgestellt und nur mit Preisaufschlag wiederverkauft. Insofern ist die Entscheidung des Auswahlgremiums um Bürgermeister Thaler und ihre unter Zeitdruck erreichte Bestätigung durch den Gemeinderat nicht zu rechtfertigen:
So betrachtet wurde das im Gemeindehaushalt für eine Bürgerbeteiligungs-Software vorgesehene Geld zweckentfremdet.